HL FAMILIE
Am Fest der Heiligen Familie werden wir eingeladen unser Familienleben vom Standpunkt des Glaubens zu betrachten, indem wir auf die Familie von Jesus schauen.
Seine Familie war keine heile Welt. Sie hatte mit vielen Problemen zu kämpfen. Josef und Maria waren verlobt, was damals einer Ehe gleichsam, nur dass sie noch nicht zusammengezogen waren. Da merkte Josef, dass Maria schwanger war. Eine Ehekrise. Josef überlegt, sich von Maria zu trennen.
Die Geburt ihres Kindes fand nicht unter den besten Bedingungen statt. Über einige Jahre hatte die Familie keinen festen Wohnsitz: Bethlehem, Ägypten, Flüchtlingsdasein, Armut. Zurück in Nazareth baut Josef ihre Existenz als Handwerker auf.
Das Verhalten von Jesus als zwölfjähriger Jugendlicher, während der Wallfahrt nach Jerusalem, lässt uns ahnen, dass Maria und Josef es nicht immer leicht mit ihrem Jesus hatten. Und als Jesus als Erwachsener predigend durch die Gegend zieht, will seine Familie ihn nach Hause zurückholen, denn sie glaubten „er ist von Sinnen“. Jesus durchbricht sogar die Vorstellung des üblichen Familienideals: „Wer sind meine Mutter, meine Brüder, meine Schwester? Das sind alle, die den Willen Gottes tun“, sagt er eines Tages. D.h.: eine Familie sollte ihren Horizont weiten: Sie soll sich selbst als Teil einer großen Glaubensgemeinschaft betrachten und darin leben. Sonst kapselt sie sich ab, und gibt es nur Familienegoismus.
Unser heutiges Bild der Familie hat sich von einem Sippenverband zur Großfamilie, Kleinstfamilie, Ehepaaren ohne Kinder, allein erziehenden Müttern oder Vätern, Patchwork-Familien entwickelt. Und seit kurzem stellt man in Europa andere Formen des Zusammenlebens mit der Familie gleich. Findet da nicht eine große Entwertung statt? Müssen wir, als Christen, nicht den tiefen Wert der Familie neu entdecken und in den Vordergrund stellen? Es geht hier um Lebenswerte, die verloren zu gehen drohen.
Ein Mensch kann allein, auf sich gestellt, nicht existieren. Er ist ein Gemeinschaftswesen. Er braucht nicht nur materielle Unterstützung wie Nahrung und Kleidung, sondern auch Anerkennung, Angenommen-Sein, und so Geborgenheit und Wärme. Das bekommen wir an erster Stelle in der Familie – oder auch nicht. Hier werden die Grundsteine für unser ganzes Leben gelegt – oder auch nicht. Hier lernen wir, welchen Wert Beziehungen haben. Füreinander das Gute wollen und erstreben ist eine Grundeinstellung, die man in der Familie lernt - oder auch nicht.
Solidarität, einander Respektieren, miteinander Teilen, Rücksicht nehmen aufeinander, Nächstenliebe, lernt ein Kind zuallererst innerhalb der Familie. Und wenn es diese Erfahrungen dort nicht gemacht hat, wird es diese Lebenswerte später nur mühsam leben können. Wie soll man später fähig sein, den eigenen Partner, die Partnerin zu respektieren, wenn man nicht gelernt hat die eigenen Eltern und Geschwister zu respektieren, in Frieden miteinander zu leben, Kompromisse miteinander zu schließen und hier und dort die eigenen Wünsche hintanzustellen?
Die Familie ist für jeden Menschen der Lebensraum, in dem man lieben lernt und was es heißt, geliebt zu werden. Es ist die Grundaufgabe einer Familie, Menschen liebesfähig zu machen. „Lieben ist eine Kunst, die man lernen muss“, hat ein Schriftsteller einmal gesagt.
In den Zehn Geboten heißt es: Man soll Vater und Mutter ehren. Das ist nicht an kleine Kinder gerichtet, die ihren Eltern gehorchen sollen. Gemeint sind hier die Eltern dieser Kinder, die erwachsenen Söhne und Töchter, die mittlere Generation. Ihnen wird aufgetragen, ihre Väter und Mütter zu „ehren“, also ihnen Anerkennung, Achtung, den gebührenden Respekt zu erweisen, gerade wenn bei alt gewordenen Eltern, die physischen und geistigen Fähigkeiten nachgelassen haben. Später, wenn ihre eigenen Kinder dies so gesehen und mitbekommen haben, werden sie das Gute, das sie ihren eigenen Eltern erwiesen haben, durch ihre eigenen Kinder wahrscheinlich auch ihrerseits erfahren.
Wir können also sagen: Die Familie ist im vollen und eigentlichen Sinn die Keimzelle unserer Gesellschaft, Keimzelle der Werte- und Glaubensvermittlung. Das ist ihre Aufgabe und ihr Sinn.
Maria und Josef hatten einen großen, inneren Reichtum: Eine innige Beziehung zu Gott. Sie waren auf Gott ausgerichtet. Diesen Glauben haben sie ihrem Sohn vermittelt, vorgelebt und mitgegeben. In dieser Familie hat Jesus glauben und lieben gelernt.
Nicht ohne Grund wird gesagt: Der Tod der Menschlichkeit, der Liebe und des Friedens rückt näher, wenn die Familie ihre Grundaufgaben nicht erfüllt. Auch eine Volksweisheit aus Ghana, einem Land in Westafrika, sagt: „Geht ein Volk zu Grunde, fängt das in den Familien an.“